Die 3 Grundaspekte der Spiritistischen Lehre

Die spiritistische Lehre hat 3 Grundpfeiler: Sie ist wissenschaftlich, philosophisch und religiös.

 Die Spiritistische Lehre stützt sich in ihrem Aufbau auf diese drei Säulen, wissenschaftlich, philosophische und eine religiöse. Alle drei Säulen sind gleichwertig. Die Hauptwerke der Spiritistischen Lehre sind in dem Artikel Grundlagenliteratur grob beschrieben. Wir wollen nun diese drei Aspekte hier beschreiben.


Die Spiritistische Lehre ist eine Wissenschaft

Während der Entstehung der spiritistischen Wissenschaft ist Allan Kardec bei der Kodifizierung (Herausgabe) der Spiritistischen Lehre empirisch-wissenschaftlich und epistemologisch (erkenntnistheoretisch) vorgegangen. Er sammelte Antworten zu Fragen und Thesen, ordnete sie systematisch ein und sortierte Antworten nach einer Signifikanzprüfung ( siehe “Universalität der Lehren”) aus.

Laut Allan Kardec ist die Spiritistische Lehre eine Wissenschaft, welche die Natur, die Herkunft und das Schicksal des Geistes, sowie dessen Beziehungen zur körperlichen Welt behandelt.

Per Definition ist eine Wissenschaft ein System der Erkenntnisse über die wesentlichen Eigenschaften, die kausalen Zusammenhänge und die Gesetzmäßigkeiten der Natur, Technik, Gesellschaft und des Denkens, das in Form von Begriffen, Kategorien, Maßbestimmungen, Gesetzen, Theorien und Hypothesen fixiert wird.

Imre Lakatos (1922 – 1974, Ungarischer Mathematiker, Physiker und Wissenschaftstheoretiker) hat neue Axiome systematisiert, die im Bereich der Wissenschaftsphilosophie entstanden sind, mit dem Vorschlag, dass jede wissenschaftliche Arbeit sich um ein sogenanntes „wissenschaftliches Forschungsprogramm“ entwickelt.

Ein solches Forschungsprogramm besteht – vereinfacht gesagt – aus einem festen Kern gründlicher, theoretischer Hypothesen und einer zusätzlichen Schutzzone von Nebenhypothesen (Schutzgürtel), die verwendet wird, um den Kern mit den von dieser Wissenschaft behandelten Phänomenen zu verbinden und anzupassen. Jedem Programm sind außerdem noch zwei Nebenhypothesen (Heuristika) angeschlossen:

Erstens eine „negative Heuristik“, welche die methodologischen Entscheidungen darstellt und die Hypothesen des Kerns dabei unverändert lässt. Zweitens hat es eine „positive Heuristik“, welche eine Gruppe von Vorschlägen und Ideen darstellt, die zeigen wie die Nebenhypothesen-Schutzzone geändert oder ausgestaltet werden soll. Damit wird gewährleistet, dass das Programm neue Phänomene berücksichtigt und die schon bekannten genauer erklären kann. Ein Forschungsprogramm wird als „progressiv“ bezeichnet, wenn es systematisch zur Entdeckung neuer Fakten führt, die von ihm erklärt werden können. Anderenfalls wird es als „entartend“ bezeichnet.

Anwendung dieser Theorie auf die Spiritistische Lehre

Wenn man nun die Spiritistische Lehre betrachtet, ist ersichtlich, dass sie alle Eigenschaften eines progressiven Forschungsprogramms besitzt. Nach den Lakatoschen Kriterien ist sie somit eine Wissenschaft.

Sie besitzt einen festen Kern, der aus den folgenden Kernprinzipien besteht:

  1. Die Existenz einer „höchsten Intelligenz, erste Ursache aller Dinge“, ausgestattet mit der obersten Gerechtigkeit und Güte, von uns „Gott“ genannt.
  2. Das Gesetz der Ursache und Wirkung
  3. Die Unsterblichkeit des Geistes (Seele)
  4. Die unbegrenzte Entwicklung (Fortschritt)
  5. Die Existenz des freien Willens ab einem bestimmten evolutiven Zustand
  6. Die Existenz a. von grober und von feinstofflicher Materie und b. vom Geist (als intelligentes Prinzip außerhalb der Materie)

Anhand dieses Kerns kann man mit Hilfe der Logik und Nebenprämissen die große Anzahl der von der Spiritistischen Lehre behandelten Themen ableiten. Beispiele hierfür sind mediumistische Phänomene, die Entwicklung der Lebewesen, ihre psychologischen Zustände nach dem Tod, usw. Alle diese Phänomene, die von der Spiritistischen Lehre umfassend und objektiv analysiert und seit mehr als 100 Jahren studiert und bestätigt werden, bilden ihre Grundlage und bestätigen ihre theoretischen Prinzipien. Die Spiritistische Lehre fasst all dies erklärend und verständlich zusammen. Somit ist sie die Wissenschaft des Geistes.

Zitat von Allan Kardec zur positiven Heuristik der Spiritistischen Lehre: „Da sie mit dem Fortschritt geht, wird sie niemals ausufern; wenn neue Entdeckungen ihr zeigen würden, dass sie sich in einem Punkte irrte, würde sie sich in dem Punkt ändern; wenn eine neue Wahrheit (durch die Wissenschaft) enthüllt wird, nimmt sie sie an.

Beispiele von spiritistischen Wissenschaftlern heute: Prof. Dr. Silvio Seno Chibeni, Prof. Dr. Sérgio Felipe, Dr. h. c. Divaldo Franco, Prof. Dr. Luís de Almeida

Wir hielten es für notwendig, den Grundaspekt „wissenschaftlich“ einer gesonderten Artikelreihe zu widmen, in der wir detailliert diesen Aspekt betrachten. 
Wir bitten Sie dazu die Artikel Die Spiritistische Wissenschaft Teil I und Teil II zu lesen.


Die Spiritistische Lehre ist eine Philosophie

In der Philosophie (wörtlich „Liebe zur Weisheit“) wird versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen. Von anderen Wissenschaften unterscheidet sie sich dadurch, dass sie sich oft nicht auf ein spezielles Gebiet oder eine bestimmte Methodologie begrenzt, sondern durch die Art ihrer Fragestellungen und ihre besondere Herangehensweise an ihre vielfältigen Gegenstandsbereiche.

Kerngebiete der Philosophie sind die Logik (als die Wissenschaft des folgerichtigen Denkens), die Ethik (als die Wissenschaft des rechten Handelns) und die Metaphysik („eine Lehre, die sich mit den nicht erfahrbaren und nicht erkennbaren Dingen des Seins beschäftigt.“).

Die Spiritistische Lehre gibt Antworten auf alle wesentlichen Fragen der menschlichen Existenz wie: „Woher komme ich?“; „Wohin gehe ich nach dem Tod?“; „Was ist der Sinn des Lebens?“ „Ursache und Wirkung“ usw.

Die Spiritistische Lehre behandelt somit die drei Kerngebiete der Philosophie zum Beispiel in den folgenden Themen:

  • Die Logik: „Denn unerschütterlicher Glaube ist nur solcher, der sich der Vernunft in allen menschlichen Zeiten gegenüberstellt.“ (siehe z.B. „Das Evangelium im Licht des Spiritismus“).
  • Die Ethik: Gesetz der Gesellschaft (siehe auch Buch der Geister: „Moralische Gesetze“; Das Evangelium im Licht des Spiritismus: „Seid vollkommen“).
  • Die Metaphysik: Die ersten Ursachen, Ursache und Wirkung (Buch der Geister: „Einleitung“ und „Die ersten Ursachen“).

 In dem Buch „Das Evangelium im Licht des Spiritismus“ finden wir unter anderem die Übereinstimmung der Spiritistischen Lehre mit philosophischen Erklärungen von Sokrates und Platon. Diese haben sich noch vor dem Christentum mit elementaren philosophischen Fragen beschäftigt. Sokrates wurde wegen seiner Behauptungen von einem einzigen Gott, der Unsterblichkeit der Seele und dem zukünftigen Leben usw. verurteilt. So wie wir die Lehre Jesu nur durch die Schriften seiner Jünger kennen, so kennen wir auch die Lehre des Sokrates nur durch die Bücher seines Jüngers Platon. In Allan Kardec‘s Buch „Das Evangelium im Licht des Spiritismus“ wurden Schwerpunkte der philosophischen Lehre des Sokrates zusammengefasst, um ihre Übereinstimmung mit den Prinzipien des Christentums und der spiritistischen Lehre darzustellen (siehe unter Kapitel IV „Sokrates und Platon, Vorläufer der christlichen Idee und des Spiritismus“).


Die Spiritistische Lehre ist religiös

Wenn man „Religion“ als „Kirche“, „Konfession“ oder „hierarchische Glaubensstruktur“ mit einem Oberhaupt bezeichnet, dann ist die Spiritistische Lehre keine Religion in diesem Sinne. Es gibt in den spiritistischen Gruppen keine Hierarchie, keinen Guru. Die Inhalte und Glaubenssätze sind bereits in den Büchern von Allan Kardec herausgegeben. Er betonte:„…nie wird es heißen die Philosophie Allan Kardecs“. Kardec war also „nur“ derjenige, der die Lehre zu Papier gebracht hat. Im Ursprünglichem Sinn nach Lactantius kommt das Wort „Religion“ von „religio“ auf religare = „an-, zurückbinden“. Durch Religion erreichen wir in gewisser Weise das „Zurückbinden“ zum Schöpfer, also zu Gott. Die Spiritistische Lehre hat demnach religiöse Fundamente, wie der Glaube an Gott, die Anerkennung der christlichen Lehre (Evangelium) als moralisches Vorbild, das Gebet als wichtiges praktisches Handeln dieses Glaubens.

Das Buch “Das Evangelium im Lichte des Spiritismus“ basiert auf dem Evangelium Christi. Seine moralische Lehre ist für uns Spiritisten der Boden, auf dem alle Glaubensrichtungen zusammenkommen können. Sie ist das Dach, unter dem alle Menschen Schutz finden können, so verschieden ihr Glaube auch sein mag. Bei der Spiritistischen Lehre werden die moralischen Folgen aufgezeigt, mit universellen Werten für jeden von uns, ob katholisch, evangelisch, buddhistisch usw. Jeder kann Spiritist sein. Die Nächstenliebe ist für den Spiritisten die Grundlage allen Handelns.

Demnach hat die Spiritistische Lehre religiöse-spirituelle Fundamente und ist zugleich eine moralische Lehre. Sie hat nichts mit Zauberei, Magie oder Hexerei zu tun. Denn diese haben weder eine philosophische oder religiös-moralische und noch weniger eine wissenschaftliche Basis. Die Spiritistische Lehre ist somit nicht rein mystisch, sondern erklärt die Zusammenhänge des Daseins mit Rationalität und Vernunft. Das zeigt wie wesentlich sich die Spiritistische Lehre von vielen spiritualistischen und esoterischen Ansichten unterscheidet.

So hat die spiritistische Lehre große Übereinstimmung mit der heutigen modernen Entwicklung von Spiritualität in unserer Gesellschaft (siehe Bild unten).

Schlussbetrachtung

Laut Definition von Allan Kardec ist die Spiritistische Lehre zugleich eine beobachtende Wissenschaft und eine philosophische Lehre. Als praktische Wissenschaft erklärt sie die Beziehungen, die man mit den Geistwesen haben kann, als Philosophie umfasst sie alle moralischen Folgen, die sich aus diesen Beziehungen ergeben. Man kann sagen, dass die spiritistische Philosophie im Leben stattfindet. Dabei ist jeder selbstverständlich frei, die wissenschaftliche, philosophische oder religiös-moralische Säule mehr zu beachten und auszuleben. Allerdings sollte es eine Ausgeglichenheit zwischen ihnen geben. Dem individuellen Fortschritt müssen ethische Werte folgen, um die Gesellschaft zusammen zuhalten. Unser Zusammenleben kann nur gelingen, wenn wir respektvoll die Anschauung des Andern annehmen und immer wieder gemeinsame philosophische Grundlagen für das Miteinander finden.

Fazit

Das Studium der spiritistischen Lehre hilft uns, den Sinn des Lebens zu verstehen und unsere Fehler zu erkennen. Das ist eine notwendige Voraussetzung, um uns zu verändern. Sie ist für uns eine Stütze, ein Licht, das uns leitet. Wir lernen, die Prüfungen mit Geduld und Ergebung zu tragen und verstehen immer besser die Zusammenhänge und Notwendigkeit zu einer nachhaltigen Veränderung. Die Spiritistische Lehre ist ein Leitfaden für das Erreichen dieses moralischen Fortschritts und dient uns zur nachhaltigen Verbesserung unseres Lebens. Es gibt selbstverständlich auch andere Wege, welche jeden auch zu einem höher entwickelten spirituellen Menschen führen. Denn ein Mensch, der Gutes tut, auch ohne Philosophie, erreicht auch moralischen und spirituellen Fortschritt.

1 thought on “Die 3 Grundaspekte der Spiritistischen Lehre”

  1. Ihr habt das umfangreiche Material überall sehr klar strukturiert und gut lesbar dargestellt, sprachlich differenziert und fehlerfrei.
    Wunderbar 🙂 danke

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