Die Spiritistische Wissenschaft – Teil I – Seite 1

Entstehung und Grundaspekte der Spiritistischen Lehre

Um zu verstehen, warum die Spiritistische Lehre eine Wissenschaft ist, muss man sich mit ihrer Entstehung befassen. Begründer und Herausgeber der Grundwerke der Spiritistischen Lehre ist der französische Professor Hippolyte Léon Dénizard Rivail (1804 – 1869).

Er schrieb dazu:  „Zu jeder Versammlung nahm ich vorbereitete Fragen mit, die ich methodisch einteilte.“ (…) „Später als ich bemerkte, dass all das ein Ganzes bildete und das Gebilde eine Lehre formte, bekam ich die Idee, diese zu veröffentlichen.“

Prof. Rivail (unter dem Pseudonym „Allan Kardec“) gab insgesamt fünf Bücher heraus, welche die Hauptwerke der Spiritistischen Lehre bilden:

  • Das Buch der Geister (1857)
  • Das Buch der Medien (1861)
  • Das Evangelium im Lichte des Spiritismus (1864)
  • Der Himmel und die Hölle (1865)
  • Die Genesis (1868)

Die 3 Grundaspekte der Spiritistischen Lehre: wissenschaftlich, religiös-moralisch und philosophisch

Prof. Rivail fasste den wesentlichsten Charakter der Spiritistischen Lehre wie folgt zusammen:

„… die Spiritistische Lehre ist zugleich eine beobachtende Wissenschaft und eine philosophische Lehre. Als praktische Wissenschaft beschäftigt sie sich mit den Beziehungen, die man mit der Geistigen Welt haben kann; als Philosophie umfasst sie die moralischen Folgen, die sich aus diesen Beziehungen ergeben. (…) Die Spiritistische Lehre ist eine Wissenschaft, die nach der Natur, dem Ursprung und dem Schicksal der Menschen nach dem Tod fragt sowie deren Beziehungen zur körperlichen Welt.“

(KARDEC, Allan; Was ist Spiritismus?)

Die Philosophie der Spiritistischen Lehre fragt deshalb nach der Existenz der Seele und nach einem Weiterleben nach dem Tode. Diese Fragen und deren Lösungen sollen zu einer besseren Lebensführung und zu einer helfend, unterstützenden Haltung gegenüber sich selbst und gegenüber unseren Nächsten führen.

Sie hat also drei Grundaspekte:

  • wissenschaftlich
  • religiös-moralisch
  • und philosophisch

In diesem Artikel beschäftigen wir uns nur mit dem „wissenschaftlichen Grundaspekt“.

Siehe dazu Die 3 Grundaspekte der Spiritistischen Lehre


Was ist eine Wissenschaft?

Per definitionem ist Wissenschaft „der Oberbegriff für alle diejenigen Disziplinen menschlicher Forschung, deren Ziel es ist, Tatsachen über Bereiche der Natur sowie der geistigen, kulturellen, politischen, technischen und sozialen Lebenswelt auf systematisch strukturierte und methodisch kontrollierte Weise zu erkunden.“ Quelle: Prof. Dr. Elke Brendel

Imre Lakatos (1922 – 1974, Ungarischer Mathematiker, Physiker, Wissenschaftstheoretiker) hat die neuen Ideen systematisiert, die im Bereich der Wissenschaftsphilosophie entstanden sind, mit dem Vorschlag, dass die wissenschaftliche Arbeit sich um ein sogenanntes „wissenschaftliches Forschungsprogramm“ entwickeln soll.

Ein solches Forschungsprogramm besteht – vereinfacht gesagt – aus einem festen Kern gründlicher, theoretischer Hypothesen und einer zusätzlichen Schutzzone von Nebenhypothesen, die verwendet wird, um den Kern mit den von dieser Wissenschaft behandelten Phänomenen zu verbinden und anzupassen. Jedem Programm sind außerdem noch zwei Nebenhypothesen (Heuristika) angeschlossen: Eine „negative Heuristik“, welche die methodologischen Entscheidungen darstellt, die Hypothesen des Kerns dabei unverändert lässt, und eine „positive Heuristik“, welche eine Gruppe von Vorschlägen und Ideen ist, die zeigen wie die Nebenhypothesen-Schutzzone geändert oder ausgestaltet werden soll. Damit wird gewährleistet, dass das Programm neue Phänomene berücksichtigt und die schon bekannten genauer erklären kann. Ein Forschungsprogramm wird als „progressiv“ bezeichnet, wenn es systematisch zur Entdeckung neuer Fakten führt, die von ihm erklärt werden können. Anderenfalls wird es als „entartend“ bezeichnet.

Zusammengefasst ergibt sich:

  • Harter Kern = Grundannahme der Theorie
  • Negative Heuristik = Unantastbarkeit des harten Kerns und Vermeidung von Ad-hoc-Modifikationen des Schutzgürtels. Es existiert hier keine degenerative Problemverschiebung
  • Schutzgürtel von Hilfshypothesen um den harten Kern
  • Positive Heuristik: Grobe Richtlinien, wie das Forschungsprogramm entwickelt werden könnte. Es existiert eine progressive Problemverschiebung (= Erklärung neuer Phänomene durch Änderung der Annahmen: „Wie sollte man vorgehen?“)
Quelle: Lakatos; The Methodology of Scientific Research Programmes: Philosophical Papers Volume 1. Cambridge University Press, Cambridge 1977

Warum ist die Spiritistische Lehre eine Wissenschaft?

Würden wir diese Theorie (Methodologie) auf die Spiritistische Lehre anwenden, ist ersichtlich, dass sie alle Eigenschaften eines progressiven Forschungsprogramms besitzt. Nach den Lakatoschen Kriterien ist sie somit eine Wissenschaft.

Sie besitzt einen festen Kern, der aus den folgenden 6 Kernprinzipien besteht:

  1. Die Existenz einer „höchsten Intelligenz, erste Ursache aller Dinge“, ausgestattet mit der obersten Gerechtigkeit und Güte, von uns „Gott“ genannt.
  2. Das Gesetz der Ursache und Wirkung
  3. Die Unsterblichkeit des Geistes (Seele)
  4. Die unbegrenzte Entwicklung (Fortschritt)
  5. Die Existenz des freien Willens
  6. Die Existenz von einer groben und feinstofflichen Materie und dem Geist (als Gegensatz zur Materie)

 „Anhand dieses Kerns kann man mit Hilfe der Logik und Nebenprämisse die große Anzahl der von der Spiritistischen Lehre behandelten Themen ableiten. Beispiele hierfür sind mediumistische Phänomene, die Entwicklung der Lebewesen, die psychologischen Zustände nach dem Tod, usw. Alle diese Phänomene, die von der Spiritistischen Lehre umfassend und objektiv analysiert und seit mehr als 150 Jahren studiert und bestätigt werden, bilden ihre Grundlage und bestätigen ihre theoretischen Prinzipien. Die Spiritistische Lehre fasst all dies erklärend und verständlich zusammen.
Somit ist sie die Wissenschaft des Geistes.
so Prof. Dr. Silvio Seno Chibeni.

Wir können außerdem folgendes Zitat von Allan Kardec zur positiven Heuristik der Spiritistischen Lehre erwähnen:
„(…) Da sie mit dem Fortschritt geht, wird sie niemals ausufern; wenn neue Entdeckungen ihr zeigen würden, dass sie sich in einem Punkte irrte, würde sie sich in dem Punkt ändern; wenn eine neue Wahrheit (durch die Wissenschaft) enthüllt wird, nimmt sie sie an.

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